Berlin-Marathon 2017: Lebens-Lauf

Ich befinde mich gerade auf der Heimfahrt von Berlin in die heimische Große Kreisstadt Achern, am Tag nach meinem fünften Berlin-Marathon.

Am Ziel angekommen, die Stoppuhr gestoppt, hatte ich ich nur kurz die Zeit geschaut: Ich musste mich vor dem Auskühlung nach einem flotten, anstrengenden Marathon bemühen. Die Nässe und durchaus frische bis kalte Temperaturen für einen Septembervormittag bringen ein hohes Erkältungsrisiko mit sich. Ich denke, ich habe Schlimmeres verhindert.

Nach dem Lauf, einschließlich bis zum heutigen Vormittag, weiß ich gar nicht so viel.

Ich spüre, den Muskelkater in den Beinen.

Ich freue mich so spontan, wie gestern am späten Nachmittag im Hotelbett etwas auf den Herbst: Etwas zur körperlichen Ruhe kommen. Mit meiner Frau einen Fernsehabend zu genießen, mit einem Bier oder einem kleinen Glas Rotwein. Ich freue mich auf die Tage in denen ich bei etwas trüberen Wetter aus dem Fenster blicken kann und dabei mit einer guten Tasse Tee die Seele baumeln lassen kann.

Ich freue ich, dass ich in den kommenden Wochen definitiv keinem sportlichen Ziel zu widmen brauchen, mich körperlich belasten muss. Wenn ich Sport machen möchte, dann gehe ich joggen, aber ich mache keinen Lauf, vll. auch nur Nordicwalking. Ich werde es selber spüren und sehen, was gut für mich ist, worauf ich (keine) Lust habe.

Ich empfinde großen Dank.

Vor lauter Aufregung war mein Ruhepuls zwischen 8 und 9 Uhr am gestrigen Sonntag mal bei 80 und 90 Herzschlägen pro Minute, sonst habe ich bei stressarmen Momentan mal was mit 55 bis 60. Ich war also aufgeregt. Aufgeregt, nervös wie noch nie, zugleich hatte ich teils davon nichts gespürt. Ich war noch in der Zeit vor dem Start und in der Startaufstellung nie so mental und gedanklich von der nähren Umgebung, von anderen Läufern unberührt geblieben. Ich kann mein Gefühl dazu gar nicht beschreiben. Ich hatte meine alte Winterjacke an, konnte meinen Kopf zu gefühlten 2/3 verstecken, saß am Startrand und blickte auf den Boden. Kurz vor Start zog ich die Jacke aus, stand hin und blickte nach vorne. Plötzlich, habe ich realisiert: Boah. Jetzt bin ich da, hier im Berlin-Marathon-Starkblock E. Ich habe gedanklich wie tatsachlich den Kopf geschüttelt und bekam tränen in den Augen. Mir ging es gut, ich hatte / habe Alles was ich zum Leben brauche. Ich bin gesund. ich darf hier dabei sein. Ich hatte mich selbst in den vergangen Monaten selbst körperlich, mental dafür selbst qualifiziert, mir meine körperlichen Vorraussetzungen antrainiert. Ich stehe hier und im Grunde kommt und geht Alles von mir alleine aus, dass ich eben genau hier sein darf. Ich spürte Wehmut, Dankbarkeit und eine Portion stolz auf mich selbst. Ich schloss einige male die Augen um zu beten, wenn man es so nennen mag. Ja, doch, ich würde dies so beschreiben. Bevor ich dann die Startlinie überquerte, die Zeit lief, mache ich paar mal ein Kreuzzeichen, auch während des Wettkampfes. 

Ich habe keine Ahnung, ob es Gott gibt. Ich bin Christ. Wenn ich laufe, gerade an einem solchem Tag, dann kommen die Gedanken: Warum laufe ich? Warum trainiee ich? Was schätze ich die Lage gerade ein? Was fühle ich gerade, oder besser gesagt: Was geht da gerade (in mir) ab?

Alles hat seinen Sinn, wirklich Alles.

Wie auch immer: Beim Start kam mir ein Gedanke oder ein Impuls aus dem Hinterkopf hervor. – Ich glaube an mich. – Ich weiß nicht, aus welchem Medium ich diesen Impuls vor einiger Zeit gewonnen habe, er war aber eine Bereicherung. Medial oder im Alltagsgespräch kam und kommt mir dieser Satz (leider oft zu-) sinnentleert vor. Anders in Phasen wie diesen, beim Sport. Ich wünsche und hoffe mir, diese Erkenntnis auch im Alltag zu bewahren. Vielleicht hört sich dies Alles für Außenstehende merkwürdig, selbstverständlich an. Ich sage: Nichts ist selbstverständlich. Nichts.

Während des Laufen, oder schon beim Start wurde mir eben so ein lehrreicher, hilfreicher Satz aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein. Ich bin ich. Ich hatte diesen Satz von meinem Vater aufgetragen bekommen und lautet im ganzen: Ich bin ich und Du bist Du.

Ich lief mit über 40.000 LäuferInnen durch Berlin, eine herrliche, lebhafte, schnelle, läuferfreundliche Strecke: Als ich lief sah ich viele ambitionierte, talentierte, engagierte, ehrgeizige Menschen, Gleichgesinnte. Aber ob Läuferin oder Läufer: Jeder Mensch ist anders.

Für außenstehende Nicht-Läufer und eher unaufmerksame Menschen ist das auch wieder selbst verständlich: Mit dieser Sichtweiße als Marathon-Läufer kam mir aber eine sehr besonderer Blick auf diese Dinge. Jeder Mensch läuft anders, wir laufen aber alle gemeinsam nach vorne. Ein Weg ein Ziel. Jeder Mensch hat andere Ziele. Jeder Mensch hat seine eigene Biografie und ich habe auch eine, sie gehört zu mir. So wie mein Leben bis jetzt gelaufen ist, wie meine Biografie bis heute verlief, so ist war und ist es. Punkt. So wie mir das Laufen gut tut, mich bereichert, mir Kraft, Ausgleich, Stärke, Vertrauen, Impulse freisetzt: So soll der Sport zu mir gehören, wie das Weiterkommen im Leben dazugehört. Vielleicht gehört Laufen auch zu meiner Biografie, vll. ist das  Laufen ein Ausdruck meiner Lebensweise und Lebensart. Vielleicht kommt der Tag an an dem ich nicht mehr laufen kann oder will. Aber das Laufen hat mich bis heute geprägt, definitiv. Ich komme gerade von meinen Gedanken zu der Erkenntnis: Meine Biografie ist wie sie ist. Ich bin ich, und zu mir gehört das Laufen.

Ich sammle keine Medaillen, so hart ich sie mir erkämpft habe.

Ich führe kein Konto in den soziale Medien um mich selbst als erfolgreich darzustellen, mich von andere Menschen nach einem Marathon mit einem „Like“ etc. beklatschen zu lassen: Das zählt für mich nichts.

Über einen (meist guten) Podcast für Läuferinnen und Läufer habe ich mal eine Erkenntnis gewonnen , die wie folgt Weitergenen kann. Laufen erfordert Rahmenbedingungen, die Du Dir selbst schaffen musst, einen Mehrwert im Leben als Folge mit sich bringen, Lebensqualität im psychischen, physischen Sinne.

Die (hoffentlich bleibenden) Erkenntnisse, Erfahrungen und Erinnerungen an bestimmte Trainingsmomente  sind für mich wertvoller, bleibend als jede Medaille die tausendfach ausgehändigt wird.

In manchen Trainingseinheiten und mentalen Vorbereitungen dazu, aber auch bei Wettkämpfen kommt mir seit Monaten, wirklich seit Monate nicht mehr die Dankbarkeit für Vieles aus dem Kopf. Ich sehe und spüre so viele schöne Dinge beim Laufen, vor dem Laufen, nach dem Laufen im Alltag: Mir geht es aus meiner Sicht, die auch auch mal schwanken kann, echt gut.

Ich hatte wie in den Jahren zu vor während des Berlin-Marathons einige Handbiker- und Rollifahrer überholt.  – Bei den Handbikern weiß ich nicht, ob die Alle ein Handicap haben: Gute Frage aber dennoch keine Ahnung. – Die starten einige Minuten vor den Läufern und doch werden viele überholt.

Wenn ich solche Kämpfer überhole, gehen meine Gedanken in die Richtungen Wehmut, Dankbarkeit und Antrieb zu gleich: Ich kann laufen. Ich sehe solche Menschen im Rollstuhl, die trainieren, ihre Biografie haben, aus individuellen Motiven sind sie dabei, freuen sich teilnehme zu können. Das sind Kämpfer und Motivationen zu gleich. Sie pflegen und führen wie ich ihr Leben, aber trotz ihres Handicaps sind sie hier, glauben an Sich, scheinen Vieles im Leben respektiert zu haben und machen weiter: Mit den Augen für vieles Schönes, Gutes und ein Sportherz, empfinde ich in diesem Moment viel Dankbarkeit für meine Gesundheit und großen Respekt, als Läufer und Mensch.

Pause.

So eben bin ich zu Hause angekommen. In der Regionalbahn hatte ich die Hornisgrinde gesehen: Ich könnte mal wieder hoch laufen, oben laufen. Ich hatte nun gerade den Wetterbericht anguckt, die Prognose für den Samstag: Regen?! Ich werde es sehen. Ich lasse es offen. Kein Stress.

Ich werde meine Erfahrungen und Eindrücke vom Berlin-Marathon vielleicht weiter ausführen, in einem weiteren Eintrag: Vielleicht.

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